Dienen als Lebensprinzip
Warum immer ich??
Wer kennt ihn nicht, den Schrei der Entrüstung, den Kinder ausstoßen, sobald es etwas zu erledigen gibt vor allem, wenn mehrere Kinder in der Familie mit der Aufgabe betraut werden könnten.
Für mich ist der Schrei die Herausforderung schlechthin, mit der ich mich mit den Kindern herumschlage.
Der Schrei war es auch, der mir sofort in den Ohren gellte, als der Vorschlag gemacht wurde, über den Aspekt zu schreiben, der einem bei der Erziehung der Kinder wichtig sei.
Wobei ich vorausschicken muss, dass ich NICHT an Erziehung glaube zumindest nicht in der vorgesehenen Richtung. Dabei war ich sicher, einen guten, praktikablen Mittelweg gefunden zu haben. Aus dem eigenen Elternhaus habe ich eine gesunde Portion Autorität mitbekommen, keine die ihre Vormachtstellung missbraucht, sondern die liebevoll zur Seite steht. Zu hause kann ich mich in der Regel auch durchsetzen und sicherlich bin ich einer, der nicht nur immer anschafft, sondern versucht, mit gutem Beispiel voranzugehen.
Schmecks: Wenn es ans Arbeiten geht, hilft das ganze gute Beispiel nichts. Dafür muss man als Eltern höllisch aufpassen, dass man sich nicht in den selbst aufgestellten Regeln verstrickt. Wer, z. B. hat in welcher Woche welchen Dienst.
Bei uns haben die Kinder ihre fest eingeteilten Verantwortungen zu erfüllen, jeweils im Wochenrhythmus: Eines ist fürs Mist ausleeren zuständig, das andere fürs Tisch decken und das Dritte fürs Abräumen des Tisches. Wenn man versucht, die Dienste einzufordern geht's gleich los:
Christina, du hast Aufdeckdienst!
Nein, der Peter hat.
Peter, aufdecken!
Warum, ich war doch letzte Woche dran!
So geht's dahin, bis einem der Geduldsfaden reißt. Gebrüll, Geschimpfe, viel Ärger, über die Eltern und die Geschwister.
Was ich aus diesen und ähnlichen Vorfällen gelernt habe: Die Kinder sind die besseren Erzieher, denn wenn man wirklich alles kontrollieren möchte, müsste man penibel Buch führen und eine Konsequenz an den Tag legen, die man meist nicht hat. Außerdem zwingen mich die Kinder ständig dazu, Anordnungen meist aus dem Bauch heraus gegeben ständig zu hinterfragen. Ich musste schon viel von meinen hehren Erziehungszielen aufgeben, ändern oder zumindest hinterfragen, nur weil die Kinder nicht gewillt waren, diese Anordnungen widerspruchslos hinzunehmen.
Jetzt könnte man als Eltern rasch das Gefühl bekommen, völlig versagt zu haben. Ich sehe es anders und ich sage es den Kindern auch: Sie sind die besten Lehrer, die wir Eltern haben könnten. Sie zwingen uns ständig, eigene Vorstellungen zu revidieren und zu lernen, nur damit wir mit ihnen Schritt halten können.
Ich finde, das ist gut so. In meiner Kindheit war die Autorität der Eltern noch unantastbar, man wagte nicht oder nur wenig, sich den Eltern zu widersetzen. Heut ist das Verhältnis in der Regel partnerschaftlicher. der Widerspruchsgeist der Kinder wächst, aber, wie gesagt, man kann nur lernen dabei.
as hat das Ganze jetzt mit dem zu tun, was man den Kinder fürs Leben am liebsten mitgeben möchte? Zum einen damit, dass man als Eltern den Kindern auch zeigen sollte: Ich lerne etwas von dir!
Es stärkt ihr Selbstbewusstsein und ihr Vertrauen, auch in die Eltern und das ist schließlich auch etwas, was man den Kindern mitgeben sollte: Selbstbewusstsein und -vertrauen.
Allerdings: die Erfahrung hat mir auch gezeigt, dass die Dinge, auf die es im Leben am meisten Ankommt, von den Kindern auch am meisten gemieden werden.
Um beim Anfangs erwähnten Beispiel zu bleiben: Das Leben ist angefüllt mit Pflichten und Dingen, die man nicht unbedingt gerne macht. Die Illusion, man werde tatsächlich sein Leben lang einen Traumberuf ausüben, löst sich spätestens beim Studium oder am ersten Arbeitsplatz auf, wenn man mit Routinen und langweiligen Nebenaspekten des Berufes konfrontiert wird, an die man nie gedacht hat. Auch sonst ist unser Leben eher egozentriert und auf Vergnügen ausgerichtet, was mit sich bringt, dass der Dienst am nächsten etwas ist, was in der Gesellschaft nicht gerade hoch eingeschätzt wird, es sei denn, der Dienst bring viel Geld.
Die ganze Welt besteht jedoch aus Dienst am Nächsten. Es ist das Prinzip nach dem diese Welt, ja das ganze Universum, funktioniert. Jeder ist für jemanden anderen da. Dienen ist das beste Rezept zur Selbstfindung: Jemand, der sich intensiv mit anderen Menschen auseinandersetzt und dabei im Stande ist zu dienen, der kommt sicherlich weiter als jemand, der Dinge für andere widerwillig verrichtet. Das Leben ist eben wie ein Fitness-Parcours: Wenn man schwache Stellen entsprechend trainiert, wird man in diesen Bereichen stark. Wer als schon in der Kindheit lernt, seinen unangenehmen Verpflichtungen mit Freude nachzukommen, der hat einen ungeheuren Vorteil jenen Menschen gegenüber, die sich dabei überwinden müssen oder sogar darunter leiden, dass sie für andere etwas tun sollen.
So versuche ich den Kindern beizubringen, dass Dienen aus Prinzip besser ist, als Dienen, weil man etwas angeordnet bekommt. Ob sie es verstehen, ob ich Ihnen diese Art des Denkens klar machen kann, wird sich erst im Lauf der Zeit herausstellen.